Theorien zum Raum – Michel de Certeau und le Parkour

Der französische Kulturphilosoph Michel de Certeau erdachte seinerzeit eine Raumidee, die untrennbar mit dem menschlichen Handeln verbunden war. Vereinfacht dargestellt formen die Menschen den Raum, indem sie Praktiken des täglichen Lebens ausüben. Certeau übertrug diese Theorie vor allem auf den städtischen Raum und benannte mit der Praktik des Gehens auch die wichtigste Handlung, die zur Schaffung des städtischen Raumes beitragen kann. Indem der Mensch auf der Straße geht, schafft er einen zemichel de certeauitlich begrenzten, richtungsorientierten Raum, der zum Beispiel mit der Aussage beim Sprechen vergleichbar ist.

Die Aussage ist ebenfalls nicht fassbar, sondern von begrenzter Dauer und spezieller Richtung. Bei der Praktik des Sprechens wird ein feststehendes Wort oder eine Wortguppe genommen und in eine rein-akustische Aussage transformiert. Ähnlich ist das beim Gehen auf einer Straße. Der feststehende Ort der Straße wird quasi durch den Gehenden in einern richtungs-gebundenen, zeitlich-begrenzten Raum transformiert. Wie der Sprechende die Worte nach eigenem Willen für seine Aussage nutzen kann, so kann auch der Gehende die Straße nutzen, wie er es will. Er kann ihrem Verlauf folgen, kann aber ebenso in einer Einbahnstraße in falscher Richtung einbiegen oder eine Sackgasse betreten und dadurch den eigentlichen „Sinn“ der Straße verändern.

Was de Certeau nicht wusste.

Es gibt eine neuere Praktik, die seine Theorie perfekt umsetzt, den Parkour. Diese Sportart gewinnt in den letzten Jahren immer mehr an Aufmerksamkeit, was nicht zuletzt der Präsenz in mehreren Filmen und Musikvideos zu verdanken ist. Die Vertreter dieser Sportart behaupten, dass es eine philosophische Aussage in ihrem Handeln gibt. Es geht ihnen darum, den städtischen Raum neu nutzbar zu machen und gegen die rein kommerzielle Verwendung der Innenstädte aufzubegehren. Geht man in dieser Idee noch einen Schritt in Richtung Certeau, dann kann der Parkour einen städtischen Raum schaffen, wie keine andere Praktik dies vermag. Denn das Gehen ist beschränkt in seinen Möglichkeiten, die Statik der Orte zu verwandeln. Der Parkour hingegen kennt hier nur wenige Grenzen. Das beste Beispiel einer Transformierung der vorgegebenen Ordnung der Orte durch den Traceur (Parkour-Sportler) ist die Benutzung eines Treppengeländers als Aufstiegmöglichkeit. Der Gehende würde dafür die Treppe nutzen müssen, der Parkour-Praktiker kann noch einen entscheidenden Schritt weitergehen.

Damit auch jeder weiß, worum es eigentlich geht:

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Malen – Spazieren – Tracieren

~ von japablo am April 28, 2008.

3 Antworten to “Theorien zum Raum – Michel de Certeau und le Parkour”

  1. sehr nettes beispiel…
    hab mir unter „subversivem“ gehen immer so etwas wie eine abkürzung über einen rasen vorgestellt. wenn das dann häufiger vorkommt, entsteht ein trampelpfad, also quasi ein neuer feststehender ort, eine phrase. hab aber meine zweifel, ob dies bei parkour auch soweit kommen wird :)

  2. danke für den Kommentar,
    der Gedanke mit dem Trampelpfad ist wirklich ein Teil der Theorie, der nicht sehr gut auf Parkour anwendbar ist. einige anderen Punkte passen schon. dafür ist es ja Philosophie, das kann man sich ja biegen, wie man es braucht :)

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